{"id":99,"date":"2010-03-03T21:41:09","date_gmt":"2010-03-03T20:41:09","guid":{"rendered":"http:\/\/karneval-in-beckum.de\/myhimachal\/?page_id=99"},"modified":"2020-01-24T19:32:05","modified_gmt":"2020-01-24T18:32:05","slug":"indien-im-wandel-der-zeit-versuch-einer-unvollstandigen-bestandsaufnahme","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.my-himachal.de\/?page_id=99","title":{"rendered":"Im Wandel der Zeit"},"content":{"rendered":"<div>\n<p style=\"text-align: center;\">Seit ich im Fr\u00fchjahr 1976 zum&nbsp; ersten mal den Boden dieses Landes betrat, bin ich ihm hoffnungslos verfallen. Nach einer abenteuerlichen Reise auf dem damals ber\u00fchmt ber\u00fcchtigten \u201d Hippie-Trail\u201d \u00fcber den \u201cPudding Shop\u201d in Istanbul, \u201cSiggis-Restaurant\u201d in Kabul und den unz\u00e4hligen \u201cCharras-Shops\u201d in Kathmandu, stand ich nun dort, wo ich seit meiner fr\u00fchesten Jugend immer hin wollte-in Indien. Abenteuerlust, gepaart mit der phantasiebeladenen Naivit\u00e4t des Ahnungslosen st\u00fcrzte ich mich in dieses Mysterium aus Faszination und Schrecken. Unter dem alles verschleiernden Deckmantel der \u201cSinnsuche\u201d machte ich mich auf den oft \u00e4usserst m\u00fchsamen Weg, die Geheimnisse dieser mir v\u00f6llig fremden Welt zu erkunden. Ziel- und rastlos durchquerte ich Wochen und Monate dieses wunderbare Tal der Halluzinationen und Ungeheuerlichkeiten, weit davon entfernt, meiner urspr\u00fcnglichen Suche einen Sinn zu geben. Und dennoch gab es kein Zur\u00fcck mehr.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/beas.jpg\"><\/a><a href=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/beas.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-119\" title=\"beas\" src=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/beas.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"334\" srcset=\"http:\/\/www.my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/beas.jpg 500w, http:\/\/www.my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/beas-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Weitere Reisen folgten, die offenen Fragen blieben, das Warum war nicht zu ergr\u00fcnden und nur der Rausch der Sinne trieb mich weiterhin unabl\u00e4ssig vorw\u00e4rts. Und eines Tages hatte ich die Begegnung, die meinen schier endlosen Bem\u00fchungen, dieses Land wenigstens ein bisschen zu verstehen, den entscheidenden Schub gab. In Kullu, einer Kleinstadt im Vorgebirge des Himalaya lernte ich zuf\u00e4llig einen \u201cLokal-Heiligen\u201d kennen.<!--more--><br \/>\nUnter dessen Anh\u00e4ngerschaft befand sich allerhand buntes Volk, vom Kuhhirten bis zum Professor, von der pensionierten Lehrerin bis zum \u00f6rtlichen Polizeichef. Und pl\u00f6tzlich war ich drin!!! Es entstanden Freundschaften mit Einheimischen, die bis zum heutigen Tage bestehen. Ich bekam Zutritt in den innersten Lebensbereich der indischen Familie, lernte ein bisschen Hindi, war immer noch ein Fremder in einem fremden Land, aber ich war auf dem besten Wege,nun jeden Tag ein bisschen mehr zu verstehen. Und ab jetzt unternahm ich meine Reisen und Exkursionen in entlegene T\u00e4ler und an die Quellen der heiligen Fl\u00fcsse zusammen mit meinen neuen Freunden, die mir im Laufe der folgenden Jahre geduldig und \u00e4usserst ausdauernd St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck den Mythos Indien n\u00e4herbrachten. Manchmal bel\u00e4chelten sie mich ob meiner Naivit\u00e4t und meiner europ\u00e4ischen Art, alles hinterfragen zu wollen, was ich partout nicht begreifen wollte. Vieles ist mir immer noch r\u00e4tselhaft und undurchschaubar, ich bleibe immer noch kopfsch\u00fcttelnd und mit offenem Mund vor mancher Ungeheuerlichkeit stehen, glaube zu verstehen, um im n\u00e4chsten Augenblick vom Gegenteil \u00fcberzeugt zu werden. Der Moloch Indien gibt seine Geheimnisse nur st\u00fcckweise und sehr z\u00f6gerlich preis. Und doch wird eines immer deutlicher : Der Wandel ist in vollem Gange !<br \/>\n<a href=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/india_02_2010_3511.jpg\"><\/a><a href=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/india_02_2010_3511.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-138\" title=\"india_02_2010_3511\" src=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/india_02_2010_3511.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"333\" srcset=\"http:\/\/www.my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/india_02_2010_3511.jpg 500w, http:\/\/www.my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/india_02_2010_3511-300x199.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><br \/>\nSeit meiner ersten Begegnung mit Indien, f\u00fcr mich der Inbegriff von \u201d Maya\u201d ,sind mehr als 30 Jahre vergangen. Ich pflege meine Freundschaften noch immer sehr innig und intensiv. Mein \u00f6rtlicher Familienanschluss geht mittlerweile in die 3. Generation und vor 2 Jahren durfte ich 3 meiner indischen Freunde bei mir zuhause f\u00fcr 3 Wochen als meine G\u00e4ste begr\u00fcssen.Und dieses Ereignis scheint mir ein guter Einstieg zu sein, um mir ein paar Gedanken \u00fcber das zu machen, was seit Mitte der 90er Jahre in der meinungsbildenden indischen Gesellschaft als Aufbruch in die Zukunft, als \u201cNeverending Deveopement\u201d bejubelt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/india_02_2010_3488.jpg\"> <\/a><a href=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/india_02_2010_3488.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-137\" title=\"india_02_2010_3488\" src=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/india_02_2010_3488.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"500\" srcset=\"http:\/\/www.my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/india_02_2010_3488.jpg 333w, http:\/\/www.my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/india_02_2010_3488-199x300.jpg 199w\" sizes=\"(max-width: 333px) 100vw, 333px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Februar 2010 besuchte ich zusammen mit meinem Cousin auf Einladung meiner indischen Freunde wieder einmal dieses faszinierende Land. Delhi,meiner Meinung nach die einzige indische Gro\u00dfstadt, in der man sich als Europ\u00e4er einigerma\u00dfen bewegen kann, zeigte sich von seiner mir bisher unbekannten besten Seite.Wo einem fr\u00fcher eine stets tief \u00fcber der Stadt h\u00e4ngende, \u00e4tzend gelbe Smogwolke zwangsl\u00e4ufig die Tr\u00e4nen in die Augen trieb, \u00fcberraschte mit einem erfrischend blauen Himmel bei \u201cwinterlich\u201d angenehmen Temperaturen um die 20\u00b0 Celsius.Wo vor kurzem noch die Diesel-Busse und Trucks, 3-Wheeler und knatternde Motorr\u00e4der ungefiltert ihre Abgase in die Athmosph\u00e4re bliesen, sind sie heute aus dem hiesigen Stadtbild komplett verbannt. Stattdessen sind alle \u00f6ffentlichen Transportmittel, Taxis und ein Gro\u00dfteil der privaten PKW`s auf Gasbetrieb umgestellt worden. Was f\u00fcr eine zukunftsweisende Neuerung! Leider erstreckt sich dieser Sachverhalt fl\u00e4chendeckend meines Wissens nach nicht \u00fcber das Stadtgebiet Delhi`s hinaus. Da herk\u00f6mmliches Benzin im Verh\u00e4ltnis viermal teurer ist als Gas,wird allgemein erwartet, dass der Ausbau von Gasstationen auch \u00fcber den gesamten Norden Indiens hinaus rasch vorw\u00e4rtsgetrieben werden wird.Dies scheint mir auch dringendst geboten zu sein, da sich das Verkehrsaufkommen seit Mitte der 90er Jahre in einem schwindelerregenden Ma\u00dfe entwickelt hat vergleichbar mit Schwellenl\u00e4ndern wie China oder anderen s\u00fcdostasiatischen L\u00e4ndern.Gab es in den Anfangsjahren meiner Indien-Aufenthalte kaum Individualverkehr mit einer einzigen indischen Eigenproduktion ( Suzuki-Maruti ), tummeln sich heute Fahrzeugtypen aus aller Herren L\u00e4nder auf den ewig verstopften Stra\u00dfen und Highways des Landes. Wo fr\u00fcher einspurige, schlagloch\u00fcbers\u00e4hte Pisten den Norden durchzogen, auf denen die Trucker noch das Recht des St\u00e4rkeren aus\u00fcbten, schl\u00e4ngeln sich heute 6-spurige Highways in alle Richtungen. V\u00f6llig \u00fcberlastet ob des enorm hohen Verkehrsaufkommens ist es f\u00fcr mich unvorstellbar, dort auch nur 1 Kilometer selbst fahren zu m\u00fcssen. Aussenspiegel eingeklappt ( um sie vor Besch\u00e4digungen zu sch\u00fctzen ) und die auf vielen Vehikeln angebrachte Aufforderung \u201d Horn please\u201d sichert bei vielen Verkehrsteilnehmern ein z\u00e4hes, aber stetiges Vorw\u00e4rtskommen. Als Fu\u00dfg\u00e4nger eine Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren d\u00fcrfte zu den letzten gro\u00dfen Abenteuern dieses Landes geh\u00f6ren. Indien ist ein gro\u00dfes Land, Indien ist ein reiches Land, Indien ist ein stolzes Land. Es will und darf zeigen, was es hat ( mit allen Konsequenzen ) !!<br \/>\nF\u00e4hrt man mit offenen Augen durchs heutige Delhi, so ist man fast erschlagen von all den spiegelverglasten Prachtbauten der Geldaristhokratie, den Shopping- Malls f\u00fcr die aufstrebende, wohlhabende Mittelschicht, den Renommiergiganten ausl\u00e4ndischer Werltkonzerne.\u00dcberall gaukeln einem \u00fcberdimensionierte Werbeplakate die einzig seligmachende Welt des Kommerzes vor. Vor den Toren Delhis entstehen gigantische Trabantenst\u00e4dte ( z.B. Gurgaon ),wo die Grundst\u00fcckspreise mittlerweile ins Irreale schie\u00dfen. Spekulanten und Neureiche haben hier ihre Spielwiese. Gro\u00dfkonzerne aus aller Welt und schamlos reiche Inder kaufen sich dort ein, um den Traum vom ewigen Wachstum zu tr\u00e4umen. Security- und Bewachungsfirmen haben Hochkonjunktur, denn Besitz will gesch\u00fctzt werden. Doch h\u00e4lt man an einer der Mautstellen an den Highways, um seinen Wegezoll zu entrichten, kratzt an die geschlossenen Scheiben der pr\u00e4chtigen Limousinen das \u201d andere\u201d Indien.Zerlumpte Frauen mit dreckverkrusteten Kleinkindern auf dem Arm bahnen sich einen Weg durch die wartenden Autoschlangen, um vielleicht hie und da ein paar Rupien zu ergattern. Den Blick geradeaus gerichtet, dem Elend janicht ins Auge schauen-der Magen verkrampft sich-was kann denn ich daf\u00fcr !!!500 Millionen Inder leben immer noch unterhalb der Armutsgrenze. Diese rechtlose und geschundene Klientel findet man \u00fcberall dort, wo sich der gro\u00dfe Aufschwung, das \u201cBig Developement\u201d in Bewegung setzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/karneval-in-beckum.de\/myhimachal\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/India_2010_6407.jpg\"><\/a><a href=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/High-tech-architecture_Gurgaon.jpg\"><\/a><a href=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/High-tech-architecture_Gurgaon.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-167\" title=\"High-tech architecture_Gurgaon\" src=\"http:\/\/my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/High-tech-architecture_Gurgaon.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"344\" srcset=\"http:\/\/www.my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/High-tech-architecture_Gurgaon.jpg 500w, http:\/\/www.my-himachal.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/High-tech-architecture_Gurgaon-300x206.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben jeder Gro\u00dfbaustelle, ob Metro, B\u00fcrot\u00fcrme oder Shopping-Malls breiten sich die Elendsquartiere der Wanderarbeiter wie Geschw\u00fcre aus, ohne Strom, ohne Wasser,ohne menschenw\u00fcrdige Unterkunft. F\u00e4kaliengeruch st\u00f6rt beim staunenden Betrachten all der Abermillionen Tonnen von verbauten Stahltr\u00e4gern und Beton. Da\u00df der gro\u00dfe Boom zum Gro\u00dfteil auf dem R\u00fccken der \u00c4rmsten ausgetragen wird, erreicht mittlerweile auch das Bewusstsein derer, die dar\u00fcber nachdenken wollen und m\u00fcssen,wie auch die namenlose Masse der Habenichtse am gro\u00dfen Aufschwung beteiligt werden kann. Dies wird eine der gro\u00dfen Herausforderungen f\u00fcr die indische Gesellschaft in naher Zukunft sein. Die Lunte am Pulverfass der sozialen Spannungen brennt bereits. Nie war die Spanne zwischen Arm und Reich gr\u00f6\u00dfer als jetzt.Stetig steigende Preise f\u00fcr Grundnahrungsmittel sorgen f\u00fcr Unruhen und immer wieder auftauchende Berichte \u00fcber Korruption und schamlose Selbstbereicherung bis in h\u00f6chste politische Ebenen tun ihr \u00dcbriges. Und noch etwas ist augenf\u00e4llig. Verl\u00e4sst man etwa einer dieser grandiosen Shopping-Malls und betritt wieder \u00f6ffentlichen Boden,steht man wieder im M\u00fcll, im Schlagloch oder in der Scheisse. Die \u00f6ffentliche Infrastruktur d\u00fcmpelt vor sich hin, als h\u00e4tte es die letzten 15 Jahre mit Wachstumsraten von 7% und mehr nie gegeben. Die Steuermoral ist verheerend und \u00f6ffentliche Gelder verschwinden oft in dunkelsten Kan\u00e4len. Das durchschittliche Bewusstsein f\u00fcr das Allgemeinwohl scheint mir immer noch ziemlich unterentwickelt zu sein. Und doch ist dieses Land gro\u00df-und einzigartig. Der Wille,der Flei\u00df, die Intelligenz und die Beharrlichkeit seiner Bewohner, gepaart mit der Weisheit und Spiritualit\u00e4t seiner jahrtausendalten Geschichte wird ihm in absehbarer Zeit den Stellenwert verleihen,der ihm zusteht.\u00dcberzeugt davon,dass das gro\u00dfe Hindustan neben all den wirtschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit auch seine sozialen Verpflichtungen wird erf\u00fcllen k\u00f6nnen,bin ich dankbar und auch ein bisschen stolz, dass ich diesem Ort der vielen Ungereimtheiten und Widerspr\u00fcche einen kleinen Teil meines Lebens widmen durfte.<\/p>\n<p>Himmel Wolfgang<\/p>\n<p>himmel52(at)arcor.de<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit ich im Fr\u00fchjahr 1976 zum&nbsp; ersten mal den Boden dieses Landes betrat, bin ich ihm hoffnungslos verfallen. 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